Geschichte des Derbys

Geschichte des Derbys

Leider gibt es kein Abbild vom ersten Derbysieger Investment von 1869 - dafür stellte sich aber dessen Reiter W. Little für einen Porträtmaler in Positur. Copyright: Archiv HRC

Seit 1869 wird das Derby in Hamburg gelaufen. Ein lange Tradition, die nichts von ihrer Faszination verloren hat. Es ist und bleibt das bedeutendste und spannenste Rennen des Jahres im deutschen Galopprennsport. Schließlich kann ein Rennpferd dieses Rennen nur einmal gewinnen: Im Alter von drei Jahren. Nicht jedes Pferd darf laufen, nur die Besten qualizieren sich. Zudem kostet die Teilnahme immerhin eine stolze Summe von 7.500 Euro, das ist das sogenannte Nenngeld. Wer nicht beim ersten Nennungsschluß dabei war, kann sein Pferd auch später noch nachnennnen. Dann wird es allerdings noch etwas teuerer: 65.000 Euro sind für die "Spätbucher" fällig. Schließlich ist das Derby auch das höchstdotierte Rennen im deutschen Turf.

Bildergalerie der Derbysieger

Kennen Sie den "Hamburg-Roar"?

Wie bei keinem anderen Rennen "summt" die ganze Rennbahn, wenn die Pferde in die Startboxen einrücken. Die vielen Zuschauer, edelste Vollblüter auf dem Geläuf, die Jockeys, Trainer, Besitzer und Züchter in Hochspannung und High-Noon an den Wettkassen. Bei keinem anderen Rennen in Deutschland ist so viel Geld unterwegs, wie bei diesem: Dem Deutschen Galopp-Derby!

Die Spannung ist spürbar. Wenn sich die Startboxen öffnen und die Derbykandidaten zum ersten Mal an den Tribünen vorbeikommen, dann wird aus dem Summen der berühmte „Hamburg-Roar“: Dann mischt sich die lautstarke Anfeuerung der begeisterten Zuschauer mit dem donnernden Trommelwirbel der galoppierenden Hufe.

Die Pferde und Jockeys kämpfen um die wichtigste und begehrteste Trophäe im deutschen Galopprennsport, es ist der Kampf um das Blaue Band. Nach 2400 m und knapp zweieinhalb Minuten wird der Jubel ohrenbetäubend. Die Entscheidung: Es gibt einen neuen Derbysieger!

Ein Jockey, ein Pferd, sein Trainer, seine Besitzer und Züchter werden von einer Welle der Begeisterung getragen. „Es gibt für einen Jockey nichts Schöneres als nach dem Derby zwischen den beiden Schimmeln als Sieger vom Geläuf zu kommen“, erinnert sich  Hein Bollow, der sowohl im Rennsattel als auch als Trainer die magische Grenze von 1000 Siegen knackte, „viermal habe ich das erleben dürfen: 1953 mit  Allasch, 1954 mit  Kaliber, 1956 mit  Kilometer und 1962 mit  Herero: Es war ein unbeschreibliches Gefühl!“ Ein Sieg als Trainer 1974 mit Marduk rundet Bollows persönliche Derby-Bilanz ab.

Es ist die Erfüllung eines Lebenstraums“, bekennen Züchter und Besitzer wie Hans-Hugo Miebach, der 2002 mit Next Desert seinen ersten Derbysieger in den eigenen blau-weißen Rennfarben vom Geläuf holen durfte: „Und es ist umso schöner, wenn man das Pferd selbst gezüchtet und viele Jahre lang auf diesen Moment hingearbeitet hat!“

Andere hatten weniger Glück: Obgleich auf allen Rennplätzen der Welt hoch erfolgreich, fehlt ihnen der Derby-Sieg in der Bilanz: Es ist eben auch „das verrückteste Rennen der Welt“. So jedenfalls urteilte die Trainerlegende Heinz Jentzsch und er muss es wissen, schließlich sattelte er von 1969 mit Don Giovanni bis 1994 mit Laroche gleich acht Derbysieger!

Nur einer war noch besser: George Arnull mit neun Siegen – allesamt für das Gestüt Schlenderhan, das sich als erfolgreichster Besitzer sage und schreibe 18mal in die Siegerlisten eintragen durfte. Zuletzt 2009 mit Wiener Walzer.

Die Geschichte des Derbys ist nicht nur die Geschichte des wichtigsten Rennens in der deutschen Vollblutzucht, es ist auch ein Stück Kulturgeschichte. Zwei Weltkriege hat das Derby überdauert, fünfmal musste es deshalb von Hamburg-Horn aus umziehen: 1919 nach Berlin-Grunewald, 1943 und 1944 nach Berlin-Hoppegarten, 1946 nach München-Riem und 1947 nach Köln. Aber Hamburg ist die Heimat dieses unvergleichlichen Rennens.

Lassen auch Sie sich vom Zauber dieses Galopp-Ereignisses anstecken.

Wie alles begann ...

Es war im Jahre 1867, als der damals noch junge Hamburger Renn-Club eine Entscheidung fällte, die weitreichende Folgen für den Rennsport nicht nur in der Hansestadt haben sollte. Die leitenden Herren des Vereins, der 1852 gegründet wurde, zunächst in Wandsbek, ab 1855 im Ortsteil Horn Rennen durchführte, hatten eine revolutionäre Idee: Ein großes Rennen sollte geschaffen werden, mit langem Nennungsschluss, ein Derby für dreijährige Pferde nach englischem Vorbild, das zunächst einmal Norddeutsches Derby heißen sollte.

31 Nennungen wurden am 1. November 1867 für das für das Jahr 1869 vorgesehene Rennen für jeweils 25 Reichstaler abgegeben, das war für den Renn-Club fast etwas enttäuschend, doch war die Vorlaufzeit für damalige Verhältnisse schon erheblich. Das erste Norddeutsche Derby wurde schließlich unter enormen Zuschauerzuspruch am 11. Juli 1869 gelaufen. Fünf Pferde gingen an den Start, Investment im Besitz des damals 29 Jahre alten Ulrich von Oertzen, einem späteren Reichstagsabgeordneten, setzte sich als Favorit durch, sicherte seinem Eigner 1975 Reichstaler (Gewinn plus Einsätze), der zweitplatzierte Rabulist verdiente demgegenüber bescheidene 100 Reichstaler.

In den ersten Jahren waren ausschließlich „Pferde in den zum Norddeutschen Bunde gehörenden Staaten und Landestheilen" zugelassen, ab 1872 durften dann aber alle deutschen Pferde mitlaufen, zudem auch die aus Österreich Ungarn. Doch erst 1889, als mit Uram-batyam ein in Budapest trainiertes Pferd gewinnen sollte, hieß das Rennen offiziell „Deutsches Derby."

Dass das Rennen sich schnell als das Highlight der deutschen Rennsaison etablieren sollte, war nur logisch. Es gab halt das meiste Geld zu verdienen, was sich bis heute, bis auf wenige Ausnahmejahre, gehalten hat. 1890 standen etwa schon 38.000 Mark als Dotierung über dem Derby, darauf geschlagen wurden die Nenngelder – der Besitzer des damaligen Siegers Dalberg kassierte mit 57.200 Mark soviel, wie noch kein anderer Eigner vor ihm in einem deutschen Pferderennen. Was auch daran lag, dass der zunächst vom Staat misstrauisch beäugte Totalisator legalisiert wurde, die Buchmacher dagegen keinen Zutritt mehr zur Bahn hatten. Wenigstens vorläufig.

In jenen Jahren wurde das Derby von den Pferden des Hauptgestüts Graditz geprägt, die von 1886 bis zum Ende der staatlichen Pferdezucht das Rennen zwölfmal gewinnen sollten. Einen regelrechten Boom erlebte das Derby und natürlich auch die Rennen in Horn zu Beginn des 2. Jahrhunderts. Schon 1897 war das Preisgeld auf üppige 100.000 Mark geklettert. Der Kaiser kam auf die Bahn und wurde zum Stammgast, gesellschaftlich wurde der Derbytag zu einem „Muss". Sportlich forderten die Pferde aus dem Gestüt Schlenderhan im Besitz des Freiherrn von Oppenheim die Graditzer mehr und mehr heraus. Von Sieger 1908 bis Wiener Walzer 2009 sollten es 18 Derbysiege werden, kein Gestüt hat öfter gewonnen.

Der Erste Weltkrieg konnte den Aufschwung des Rennsports kaum stoppen. Noch 1912 hatte der Renn-Club 900.000 Mark in die Anlage und eine neue Tribüne investiert. Trotz der Kriegswirren wurde eifrig gewettet, erst 1919 musste das Derby wegen revolutionärer Unruhen in Hamburg kurzfristig nach Berlin-Grunewald verlegt werden.

Das Derby 1923, offiziell mit 80.000 Mark ausgeschrieben, war aufgrund der Inflation von Multiplikatoren plötzlich 80 Millionen Mark wert. Doch das war schon tags darauf schon wieder wertlos. Im November betrug das Vermögen des Hamburger Renn-Clubs 3671 Billionen Mark, doch als die Rentenmark eingeführt wurde, waren es plötzlich nur noch 3.671 Mark!

Das alles konnte den Boom im Turf nicht stoppen: Weinberg, Oppenheim, Haniel, das waren die führenden Besitzer, Ernst Grabsch, Everett Haynes und der junge Otto Schmidt die Stars im Sattel. Die Derbysieger hießen Ferro, Graf Isolani oder Alba, waren bekannt wie heute Fußballprofis. Auch die Machtergreifung der Nationalsozialisten bedeutete noch kein Ende des Aufschwungs, die neuen, vom Rennsport aber zu Recht wenig geschätzten Herren zeigten sich sogar sehr angetan vom Turf, sollten später das Gestüt Schlenderhan annektieren. Stuten prägten die Szene, Nereide und Schwarzgold werden noch heute als „Wunderpferde" bezeichnet.

Eine große Zäsur bedeutete der Zweite Weltkrieg. 1945 fiel das Derby ganz aus, in den Jahren darauf wurde es in München und Köln ausgetragen, erst 1948 kehrte es nach Hamburg zurück und mit Birkhahn gewann auch ein ganz Großer der deutschen Vollblutzucht. Doch die Fünfziger, ja auch noch die Sechziger Jahre waren in Horn geprägt von finanziellen Problemen. Das Besucherinteresse am Derbytag war immer enorm, es wurden bis zu 50.000 Besucher gezählt, doch der Rahmen war stets bescheiden. Es kam der Gedanke auf, das Derby besser woanders, etwa in Köln ausgetragen zu lassen.

Immerhin ging es mit dem Preisgeld nach oben: 100.000 Mark standen über dem Derby 1956, das Kilometer unter dem „Hamburger Jung" Hein Bollow gewann.Trotzdem blieb die finanzielle Lage des Renn-Clubs prekär, bis Ende der Sechziger Jahre. Erst 1969, als Don Giovanni im 100. Derby die Nüstern vorne hat, gab es eine Art Wende. Am Derbytag wurden 2.1 Millionen Mark gewettet, es gab erhebliche Einnahmen aus den Eintrittsgeldern. Deutschland erlebte in den Folgejahren einen regelrechten Turf-Boom, Preisgelder und Wetteinnahmen stiegen in vorher nicht gekannte Höhen. Als 1977 der spätere Deckhengst-Star Surumu im kopfstärksten Derbyfeld aller Zeiten gegen 23 Gegner durchsetzte, gab es stolze 424.600 Mark zu gewinnen, der Umsatz erreichte allein in diesem Rennen nie gekannte 883.452 Mark.

1984 wurde das Derby erstmals mit einem Wirtschaftsunternehmen als Partner gelaufen (IBM), von 1987 bis 1991 hieß das Rennen Holsten Cup, von 1991 bis 2009 war BMW der Partner des Derbys. IDEE sponsort das wichtigste deutsche Galopprennen seit der 140. Auflage. Im Jahr 2017 heißt es schon IDEE 148. Deutsches Derbyl

Die Namen der Stars haben sich inzwischen geändert, heute sind Andrasch Starke oder Eduardo Pedroza die Publikumslieblinge im Rennsattel. Herausragender Besitzer des neuen Jahrtausends war der Stall Blankenese um den langjährigen, im November 2008 verstorbenen, HRC-Präsidenten Franz-Günther von Gaertner, der das Derby gleich dreimal: mit den Brüdern Samum (2000) und Schiaparelli (2006) und mit dem Samum-Sohn Kamsin (2008) gewinnen konnte Die großen Zeiten der Achtziger und Neunziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts sind fast schon Historie, doch die Magie des Derbys ist geblieben – seit 1869.

© Dequia Media