Die Derbyrede von Dr. Stefan Oschmann: "Wer liebt, der zerrt nicht!"

Die Derbyrede von Dr. Stefan Oschmann: "Wer liebt, der zerrt nicht!"

Dr. Stefan Oschmann Copyright: galoppfoto.de 

Es ist eine lange Tradition, dass am Vorabend des Derbys, in diesem Fall des IDEE 148. Deutsches Derbys, der siegreiche Besitzer des Vorjahres eine Derbyrede hält. In diesem Fall war das Dr. Stefan Oschmann, der mit Isfahan in seinen Stallfarben von Darius Racing erfolgreich war. Im Sattel saß Dario Vargiu, Züchter (als Rennstall Wöhler) und Trainer - das ein Novum in der Derbygeschichte - war Andreas Wöhler, gemeinsam mit Ehefrau Susanne. Als Gastgeber hatte der Hamburger Renn-Club  zudem die Besitzer der am nächsten Tag im Derby startenden Pferde, Sponsoren und Ehrengäste ins Hotel Atlantic an der Alster geladen. Die Rede wurde mit einiger Spannung erwartet, gab es doch nach dem IDEE 147. Deutschen Derby diverse Proteste des Drittplatzierten, die vor der Sportgerichtsbarkeit des deutschen Galopprennsports verhandelt worden sind. Hier nun die Rede wie sie uns von Dr. Stefan Oschmann übermittelt worden ist. 

Sehr geehrter Herr Wahler, sehr verehrte Frau Wahler, Sehr geehrter Herr Darboven, sehr verehrte Frau Darboven, liebe Freunde des Rennsports, 

„Sei amüsant, erzähle keine unerfreulichen Geschichten, und vor allem: erzähle keine langen“. Das sagte Benjamin Disraeli, der britische Schriftsteller und Politiker, und Mark Twain bemerkte: „Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende - und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen“. Mark Twain, den ich sehr verehre, und dessen Betrachtungen über Deutschland und die deutsche Sprache eine wunderbare und amüsante Lektüre sind, sagte auch: „Geistige Nahrung ist wie jede andere; es ist angenehmer und zuträglicher, sie mit einem Löffel als mit einer Schaufel zu nehmen. Sie, sehr verehrte Gäste beim Derbydinner, werden beurteilen müssen, ob es mir gelingt, mich an diese guten Grundsätze zu halten. Ich verspreche, mich redlich zu bemühen. Und zwar sowohl in Bezug auf die Kürze als auch darauf, nicht über Unerfreuliches zu sprechen, zumindest nicht ganz direkt. Im Gegenteil, ich werde mich bemühen, mit dem Löffel statt mit der Schaufel zu arbeiten.

Ist es nicht der Traum eines jeden Besitzers, einer jeden Besitzerin, das eigene Pferd einmal im Derby als Sieger zu erleben? Ich werde den Augenblick, als wir Isfahan im Ziel vorne liegen sahen, nie vergessen. Diese fast archaische Freude! Dann kam aber schnell Zweifel auf, weil der Rennbahnsprecher Savoir Vivre an der Spitze sah. Das Ullmann’sche Pferd an erster und Isfahan an zweiter Stelle, das wäre ja auch ein wunderbarer Erfolg für uns gewesen ... Dann erging der Richterspruch: Isfahan war der Sieger.  

Meine Frau und ich hatten das Gefühl, das Derby innerhalb dieser Schwindel erregender Sekunden gleich zweimal gewonnen zu haben. Der erste herzliche Glückwunsch kam per SMS vom Besitzer des Zweitplatzierten, Baron Ullmann. Herr Wernicke, Besitzer des Derbyvierten, gratulierte. Herr v. Boetticher als Besitzer des Fünftplatzierten, Herr v. Schuberth und ebenso Prinz von Auersperg, obwohl er sicherlich nicht ganz glücklich über das Laufen seines eigenen Pferdes war. Alle genannten Herren sind profilierte Besitzer und Züchter, alle sind engagierte Unterstützer des Galoppsports und an erster Stelle: Gentlemen! Spontan zeigen sie auch dann, wenn das eigene Pferd nicht der eigenen Erwartung entsprach, wahre Herzensbildung. Die Engländer nennen das bekanntlich auch "Sportsmanship".  

Wir hätten damals nie gedacht, diese Erfahrung noch öfters wiederholen zu dürfen: durch so viele Instanzen hat sicherlich noch nie ein Pferd innerhalb eines Jahres dasselbe Derby so oft gewonnen ... doch ... nun ja … ich hatte versprochen, meine Rede kurz zu halten und werde jetzt auf das eigentliche Thema meiner Rede zu sprechen kommen. Ich meine die Liebe zum Galoppsport und zum Pferd.

Ich selbst kam zum Pferd quasi qua Geburt, ich wuchs als Sohn eines Tierarztes auf. Meine erste Reitstunde habe ich als kleiner Bursche auf dem Vollbluthengst UKAS absolviert (geboren 1960 v. Alabaster a.d. Ukami, habe das Pedigree auf German Racing nachgeschaut), und von da an war es um mich geschehen. Meine persönlichen Reiterfolge hielten sich in Grenzen, aber die Liebe zum Pferd war auf immer in meiner Seele verankert. Ich wuchs in Franken auf, weit weg von einer Rennbahn, hatte aber Kontakt mit dem Vielseitigkeitssport und damit auch immer wieder zum Vollblut. Auf die Rennbahn kam ich erst als Student, von da an ließ mich die ihr eigene Aura nicht mehr los. Ich war in den vielen Ländern, in denen wir lebten, immer ein höchst eifriger Besucher der Rennbahn. Erst sehr viel später war ich finanziell in der Lage, als Besitzer zu agieren. Ich erwarb vor 14 Jahren zusammen mit einem Studienfreund eine tragende Stute für eine eher symbolische Summe. Das daraus hervorgegangene Fohlen brachte es immerhin auf 93,5 GAG.

Für meine Frau und mich liefen von diesem Zeitpunkt an unter verschiedenen Stallnamen Pferde - im Training, in München und in Baden-Baden. "Darius Racing" in Zusammenarbeit mit Holger Faust begann vor fünf Jahren. Wir hatten entschieden, unsere Aktivitäten professioneller aufzustellen. Wollten uns dabei einerseits auf erfahrene Trainer verlassen. Bei der PedigreeAnalyse, beim Jährlingseinkauf und beim Management dagegen beabsichtigten wir, unsere eigenen, wissenschaftlich orientierten Methoden – wiederum kombiniert mit professioneller Erfahrung – einzusetzen. Die letzte Saison, und natürlich der Derby-Sieg, waren für uns ein Zeichen, dass wir mit diesem Vorgehen nicht ganz falsch lagen. Zurück zum Thema Liebe! Erfolg ist für den Galoppsport wichtig.

Auch wenn Truman Capote menschlich so zielsicher bemerkte: „Erfolg ist so ziemlich das Letzte, was einem vergeben wird …" Alle Aktiven und Besitzer träumen doch im Rennsport, von diesen großen Erfolgen. Als Besitzer ist dieses Träumen – dieser nach Ernst Bloch großartige Tagtraum – besonders wichtig, speziell beim Bezahlen der Rechnungen in der Zeit so etwa zwischen Dezember und Februar... Also warum machen wir das alle? Warum benehmen wir uns manchmal wie Verrückte, sympathisch Verrückte? Woher kam und kommt diese spezielle Affinität zur Kreatur, zum Pferd,  jenseits des Transportmittels, Erntehelfers hin zum Gefährten, diese immer noch existierende besondere Symbiose zwischen Mensch und Pferd? Woher kommt diese Leidenschaft für die Pferdezucht, vielleicht ein bisschen Gott spielen indem man die richtigen Gene zusammenbringt? Als Ziel dann der Wettbewerb gepaart mit dem Spiel, welches für uns Menschen ein Dreh- und Angelpunkt unseres Seins auf der Erde ist – eben das Streben besser zu sein, Sieger zu sein. Ich weiß nicht wo das alles her kommt, es ist aber da und bestimmt unsere Liebe zu diesem besonderen Sport. Für die Aktiven, die Jockeys, die Trainer, die Arbeitsreiter und das Stallpersonal, ist dieser Sport nur selten der Weg zu Ruhm und Reichtum. Dieser Sport verlangt auch Opfer zu bringen! Der Galoppsport verlangt, das meine ich ganz ernst, tiefe Liebe und Demut. Wer Ruhm und Reichtum und gesellschaftliche Anerkennung sucht, ist beim  Fußball sicherlich besser aufgehoben, den viele von uns ja auch lieben. Aber unsere große Liebe ist eben der Galoppsport.

Ich möchte besonders denen ein Lob aussprechen und Mut machen, welchen in diesem Sport fast nur Kritik widerfährt. Ich meine die ehrenamtlichen Präsidenten, Vorstände und die Agierenden im Direktorium, in der Besitzervereinigung und in den Rennvereinen. Ich selbst war jahrelang im Vorstand eines Rennvereins, habe mich zeitlich und finanziell eingesetzt und fragte mich nicht nur einmal bei der gängigen Präsidiumskritik anlässlich von Mitgliederversammlungen: "Warum tue ich mir das an, und was motiviert meine Kollegen, die sich teilweise doch noch viel mehr engagieren?“ Es war im inneren Monolog immer nur die eine Antwort – aus profunder Liebe zum Pferd, zu diesem großartigen Sport. Was wäre das Derby ohne das Sponsoring durch Sie, Herr Darboven? Wo wäre Baden Racing ohne Sie, Herr Dr. Jacobs? Was liefe in Hannover ohne Herrn Baum, in Köln ohne Dich lieber Eckhard Sauren oder in München ohne Dietrich v. Boetticher? Sie zeigen tatkräftig wie Sie diesen Sport lieben. Besonders den sogenannten „einfachen“ Rennbahnbesuchern und den Wettern gebührt großes Lob. Von ihrem Enthusiasmus lebt dieser Sport!

Wer im Freundes- oder Kollegenkreis von den Erfolgen von Andreas Wöhler, Markus Klug, Waldemar Hickst oder Peter Schiergen spricht, wer Andrasch Starke, Filip Minarik, Eddy Pedroza oder Alexander Pietsch lobt, wer von den Erfolgen von Gestüt Schlenderhan, Gestüt Fährhof, Gestüt Röttgen oder Gestüt Ittlingen schwärmt, wer vom Einfluss von Northern Dancer, Galileo, Monsun oder Acatenango weiß ... außerhalb der Rennbahn werden ihm meist staunende Augen, wenn nicht gar totales Unverständnis begegnen. Im Gegenzug weiß jedes Kind, wie die vorletzte Ex-Freundin eines kolumbianischen Zweitligisten heißt. Was ficht es uns, die wir alle hier sitzen, an? Die Leidenschaft und die Liebe zu diesem unseren Sport ist es, die ihn trägt und zusammenhält.  

Nun will ich Sie alle nicht vollständig enttäuschen und mich doch etwas dem Thema annähern, das viele von Ihnen beschäftigt. Isfahan weiß ja zum Glück von all dem nichts. Er hat zu vollster Zufriedenheit seine Deckhengstkarriere im Gestüt Ohlerweilerhof begonnen und bereits mehr als 90 Stuten gedeckt. Um ihn müssen wir uns keine Sorgen machen. Wie gerne hätten wir ihn im Rennstall belassen. Isfahan hatte als Zweijähriger den Preis des Winterfavoriten gewonnen. Die Dreijährigen-Saison begann mit dem Sieg im Bavarian Classic. Wir gingen mit großem Selbstbewusstsein in das Italienische Derby. Ich muss gestehen, dass ich damals im Führring in Capannelle, als ich unseren mächtigen Hengst im Vergleich zu den italienischen Konkurrenten sah, quasi heimlich das Preisgeld in der Tasche schon gezählt habe...es kam dann anders. Heute wissen wir, dass das Hufproblem, das nach dem gewonnenen Derby zu seinem Rückzug vom Rennbetrieb geführt hat, wahrscheinlich damals auf der betonharten Bahn in Rom entstand. Aber was soll’s...so wie sich Isfahan gibt, scheint er das Leben als Deckhengst sehr zu genießen.

Zurück zum Streit über das Derby 2016. Ich möchte nicht noch mehr Öl ins Feuer des vergangenen Jahres gießen. Daher ist es vielleicht angebracht, sich dem mitunter allzu theatralisch geführten Streit um das Derby 2016 einmal literarisch zu nähern, hoffentlich ganz unprätentiös und nur, was einem dabei so in den Sinn kommt. Hierbei Kafkas Prozess zu bemühen, wäre inflationär, würde all dem zu viel Gewicht geben. Das Gerangel um die Paragraphen 584, 590, 623 und 482 der Rennordnung sind dem nicht angemessen. 

Aber durchaus Recht hat der Kafka-Biograph Reiner Stach, wenn er feststellt: „Denn furchtbar ist das Ganze, aber komisch sind die Details“. Von einem andern Standpunkt: Manches im zeitgenössischen Theater, hat seinen Ursprung im Kasperltheater. Spontan denke  ich wieder an das Gerangel um die Rennordnung und zitiere der Einfachheit halber für Rennsportgemüter, die nicht gerne zu lange lesen, aus Wikipedia: (Wir Galoppsportinteressierten sind ja generell sehr belesen unser literarischer Kanon umfasst die SportWelt, GaloppIntern und TurfTimes) “Ein derbes Jahrmarktsvergnügen für Erwachsene und Jugendliche mit einer komischen Figur im Mittelpunkt: das ist das Kasperltheater ... es spricht wohl die vielfach unterdrückten Aggressionen der Zuschauer an und bietet ihnen ein Ventil für ihre Verdrossenheit mit der Obrigkeit. Oft wurde das Spiel wegen Unmoral verboten und die Puppenspieler vertrieben oder bestraft.“ Manche von uns würden, bei der Lektüre des einen oder anderen nur so von Unterstreichungen und Ausrufezeichen wimmelnden Schriftsatzes, wiederum an nichts anderes als eben diese spezielle Kunstform erinnert. Aber sei's drum … Heinrich von Kleist und sein "Der zerbrochene Krug" kommt mir in den Sinn. Die Figur des Dorfrichters Adam, in seiner raffiniert sich selbst aussitzenden Vitalkomik, bringt einen da zwangsläufig zum Schmunzeln. Auch oder gerade, weil Goethe der Meinung war, dem Kleist’schen Lustspiel fehle eine Handlung, welche die Bezeichnung verdiene. Ein adäquater Bezug besteht vielleicht auch zu Joseph Roths Werk „Das falsche Gewicht“. Die aus meiner Sicht wunderbare Verfilmung von Bernhard Wicki aus dem Jahr 1971 mit Helmut Qualtinger, sei hier zu erwähnen …

Die meines Erachtens aber relevanteste literarische Quelle ist und bleibt der Kreidekreis. Ich versuche zu meiner anfänglichen Bemerkung zurückzukommen: ich meine noch einmal nichts anderes als die uns alle einende, bedingungslose Liebe zum Galoppsport. Der Kreidekreis beruht auf einer Geschichte der chinesischen Literatin Li Qingzhao, neben dem – ja: um zweitausend Jahre älteren „Salomonischen Urteil“ im Buch der Könige.  Berthold Brecht – ich weiß nicht, ob Brecht jemals in einer Derbyrede zitiert wurde, Sie wüssten es besser – hat diese Quellen im uns allen seit der Gymnasialzeit bekannten „Kaukasischen Kreidekreis“ verarbeitet. Die meisten von Ihnen werden den Plot noch parat haben. Die leibliche und eine vorgebliche Mutter streiten sich um "ihr" Kind, und ziehen vor Gericht. Der kluge Richter ordnet an, einen Kreidekreis auf den Boden zu zeichnen und das Kind mittig zu platzieren. Er fordert die beiden Kontrahentinnen auf, das Kind zu sich aus dem Kreis zu zerren. Wem das gelingen wolle, dem gehöre das Kind. Die vorgebliche Mutter zerrt mit allen Kräften, die leibliche Mutter lässt los. Der Richter entscheidet klug zugunsten der leiblichen Mutter; sie, und nur sie, hat wahre Liebe bewiesen zu ihrem Kind. Und so schließt sich der Kreis. Wir alle lieben den Galoppsport. Wir alle bemühen uns ihn zu pflegen und zu schützen. Wer liebt, der zerrt nicht!  

Und in diesem Blickwinkel: Lassen Sie uns vielleicht auch in Zukunft nicht allzu dramatische Sprachformen bemühen. Lassen Sie uns bei allem Verdruss vor allem seit dem vergangenen Derby auch etwas lächeln, auch über uns selbst. Ich hoffe, dass meine Rede dazu ein Quäntchen beiträgt. Ohne den Einsatz der Gäste dieses Dinners würde es den Galoppsport in dieser Form in Deutschland wahrscheinlich nicht mehr geben. Für diesen Einsatz möchte ich Ihnen von Herzen Dank sagen. Lassen Sie uns weiter an der Zukunft unseres Sports arbeiten. Lassen Sie uns immer wieder die Regeln darauf überprüfen, ob sie noch zeitgemäß sind und dem Tierschutz dienen. Lassen Sie uns alle weiterhin in den Rennvereinen, in der Besitzervereinigung und im Direktorium engagieren. 

In diesem Sinne wünsche ich uns ein interessantes, spannendes und sportlich wertvolles Derby. Möge auch in diesem Jahr, wie im letzten Jahr, das beste Pferd gewinnen! 

(Bei dem Text handelt es sich um das Orginal-Manuskript von Dr. Stefan Oschmann, die einleitenden Worte durften wir von Turf-Times.de übernehmen)